06 Dialog - Kommunikation im Zeitalter der Medienökologie

Excerpt    Prinzipien und Methoden der Balintgruppenarbeit

Als Instrument sozialer Selbstreflexion sozialer Programme, als Lern- und Forschungsmethode und in zahlreichen weiteren Hinsichten baut der Dialog auf Prinzipien auf, die Michael Balint in den 50er Jahren in den später nach ihm benannten 'trainig-cum-research'-Gruppen entwickelt hat. Ohne eine Nutzung seiner Erfahrungen bleibt die Dialoggestaltung hinter ihren Möglichkeiten zurück.

"Welches sind die Leistungen Michael Balints, seiner Kolleginnen und Kollegen und der Nachfolgerinnen und Nachfolger?

    Balint hat ein äußerst praktikables Verfahren der Professionsentwicklung geschaffen, die Verbindung von Forschung, Selbstevaluation und Training. Er verknüpfte die Entwicklung von einzelnen [Angehörigen einer Berufsgruppe] mit der Entwicklung der Gesamtprofession. Dies kann nur im Typus der Training-cum-research-Gruppen geschehen.

    Balint-Gruppen sind die institutionalisierte Möglichkeit, die bewussten und die latenten Programme und Selbstbilder einer Profession zu analysieren und weiter zu entwickeln. Mit Programm meinen wir die orientierungsrelevanten und handlungsleitenden Maximen einer Profession. Diese werden im Rahmen der professionellen Sozialisation nur selten bewusst erlernt und vermittelt, sondern in der Regel eher durch Identifikation oder Versuch und Irrtum gelernt. Die Selbstbilder einer Profession umfassen sowohl das Selbstbild als auch das Fremdbild über Klienten, Patienten etc.

    Zum Praktizieren einer ganzheitlichen Medizin gehört eine andere Haltung und eine andere Art der Informationsverarbeitung als zum Praktizieren einer auf Organe zentrierten Medizin. Balint entwickelte eine Lerntheorie: Lernen - verlernen - wieder erlernen. Professionen können sich nur dann entwickeln, wenn nicht immer mehr dazu gelernt wird, sondern alte Maximen auch verlernt werden. Balint wusste, dass ein solcher durchaus schmerzhafter Prozess nicht auf der kognitiven Ebene allein stattfinden kann, sondern die Persönlichkeit des Lernenden affiziert. Er konstruierte ein Setting jenseits der typischen Lehrer-Schüler-Verhältnisse, in dem genügend Vertrauen entstehen konnte, um sich auf diesen schmerzhaften Prozess einzulassen.

    Dieses Lernen konnte nur durch die Verbindung von Selbst- und Fremdbeobachtung gelingen. Die für die Wissenschaft typische Subjekt-Objekt-Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem kann nicht die einzige Typisierung für Arzt-Patient-Beziehungen sein. Balint setzte auf ein anderes Medium der Informationsgewinnung, nämlich die Selbstbeobachtung. Man kann Erkenntnisse über die Welt dadurch gewinnen, dass man sie direkt beobachtet oder indem man sich und seine Reaktionen auf die Welt beobachtet. Diese Verbindung von Selbst- und Fremdbeobachtung war unerlässlich, um das zu lernen, was die Balint-Gruppenleiter unter Beziehungsdiagnostik verstehen.

    Um zwischen Selbst- und Fremdbeobachtung überhaupt unterscheiden zu können, ist das Erlernen der Selbstbeobachtung für die meisten Professionen, so auch für die Ärzte, Voraussetzung. Zu den großen Leistungen Balints gehört es, die Rahmenbedingungen für eine auf die professionelle Rolle bezogene Selbsterfahrung geschaffen zu haben. Andere damals bestehende Settings hatten die Selbsterfahrung als Person - als psychisches System - zum Gegenstand.

    Obwohl die Entwicklung einer Supervisionsmethode ein eher zweitrangiges Ziel war, wurde in den Balint-Gruppen das Spiegelphänomen entdeckt. Die Arbeit mit Spiegelungen von Professional-Klient-Beziehungen in der Gruppe ist inzwischen ein von allen Supervisionsmethoden gleich welcher Couleur übernommenes Instrument. Neben dem methodischen Nutzen bietet das Spiegelungsphänomen neue Perspektiven für die Erkenntnistheorie. Spiegelungen finden nicht nur in Balint-Gruppen, sondern beständig und überall zwischen sozialen, psychischen und biophysischen Systemen statt.

    Neben Spiegelungen ist die Nutzung von Erzählungen das zweite Medium zur Informationsgewinnung, das systematisch in Balint-Gruppen genutzt wird. Erzählungen sind eine alltagsweltlich genutzte Kommunikationsform, die dazu dient, eigenes Erleben mit anderen zu teilen. Balint wusste sehr gut, dass Beschreibungen, die einen objektiven außenstehenden Standpunkt erfordern, nicht dasjenige Material produzieren, das man zur Beziehungsdiagnostik braucht. Die Kommunikationsform Erzählen wird in Balint-Gruppen radikalisiert, es geht um das Mitteilen von unverarbeitetem Erleben. Die Erzählungen in Balint-Gruppen weisen immer typische Brüche und Fragmentierungen auf, die im Laufe einer Sitzung 'repariert' werden, so dass am Ende bei einer gelungenen Sitzung eine vollständige Erzählung steht.

    Trainig-cum-research-Gruppen sind ein Forschungssetting, das es erlaubt, sehr praxisnah und ohne die üblichen Transferprobleme zwischen Wissenschaft und Praxis Erkenntnisse zu generieren. Dieses Setting erlaubt zweitens, zwei Formen der Erkenntnisgewinnung, nämlich die durch Fremdbeobachtung und die durch Selbsterkenntnis, in systematischer Weise miteinander zu verbinden. Aus diesem Grunde ist es in der Lage, sehr viel mehr Komplexität, ich meine vor allem latente, man könnte auch sagen unbewusste Ebenen der Kommunikation, zu erfassen, was den psychologischen Forschungsverfahren und der empirischen Sozialforschung nicht gelingen kann.

    Balint-Gruppenarbeit ist eine gute Maßnahme zur Qualitätssicherung durch Selbstevaluation. In Zeiten, in denen die Sicherung und die Entwicklung der Qualität der Dienstleistung auch im Not-for-Profit-Bereich zu den Standards gehört, bekommt Balint-Gruppenarbeit und auch Supervision als Verfahren der Selbstevaluation - im Gegensatz zur Fremdevaluation und zur Standardisierung durch ISO 9002 oder ähnliche Verfahren - eine neue Bedeutung. Qualitätskontrolle durch die Beteiligten selbst und durch 'Peers' sind bei so komplexen Dienstleistungen m. E. effektiver und effizienter als Standardisierungen durch Außenstehende."


Aus:  Kornelia Rappe-Giesecke: Vorwärts zu den Wurzeln - Balint-Gruppenarbeit aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht. In:  Balint-Journal, H. 2, 2000, S. 36-42, hier S. 38/9

Gliederung: Dialog - Gesamtgliederung                    Zusammenfassung: Überblick über die Methoden von Dialogen                    Fliesstext: Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Dialogen und anderen Kommunikationsformen

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