06 Dialog - Kommunikation im Zeitalter der Medienökologie |
Leistungen: Kollektives Wissen schaffen
Die im Umfeld der Dialogprojekte am MIT (Boston) in den Vereinigten Staaten gesammelten Erfahrungen erhärten die Hypothese, dass die Dialoge gegenwärtig der vielversprechendste Beitrag zur Lösung des Problems der Schaffung von kollektivem Wissen auf verschiedenen Ebenen/in verschiedenen Medien ist. Eine Hauptleistung liegt darin, den Beteiligten die unterschiedlichen Annahmen/Programme wechselseitig nachvollziehbar zu machen - ohne dabei diese Unterschiede zu minimieren. Die Vision ist, dass im Prozess des Austauschs neue Einsichten emergieren, die sich nicht auf die sprachlichen Beiträge der Beteiligten reduzieren lassen. Es ist ein Konzept, welches Verständigung nicht durch Rekurs auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern durch die Respektierung andersartiger 'Nenner' anstrebt. Dies dürfte ohne eine gemeinsame Akzeptanz der ökologischen Grundeinsicht, dass erst das Zusammenwirken artverschiedener Faktoren überlebensfähige Systeme schafft, kaum gelingen. Insofern bestärkt jeder Dialog die Vision von Kulturen als ökologische Netzwerke artverschiedener Kommunikatoren.
Im Gegensatz zu den Bestrebungen in den 70er und 80er Jahren, den im Zuge der Globalisierung fragmentierten großen Unternehmen durch eine monolithische 'Coporate Identity' stabilisierende Korsettstangen einzuziehen, geht es der dialogischen Beratung um Identitätsbestimmungen, die produktive Widersprüche 'in der Schwebe halten'. Generell unterscheidet sich in dieser Hinsicht die Dialogbewegung gewaltig von den in der Literatur häufig genannten Vorläufern, den griechischen Diskursphilosophen und der Tradition des religiösen Gesprächs. Die Sucher nach Wahrheit und die Verkünder von Glaubensgewissheiten führen die Gespräche in der Überzeugung, dass es eine Wahrheit gibt und dass es gut sei, wenn alle Beteiligten am Ende zu dieser finden würden. Dialogbegleiter verstehen sich nicht als Verkünder von Wahrheiten. Sie ermöglichen es, dass die Unterschiede zwischen den Teilnehmern als Bedingung jeder Kommunikation und jedes Ökosystems wach gerufen werden. Gemeinsamkeiten stellen sich im Fortgang von selbst her, sie emergieren. Nur die 'Durchsetzung' von Konsens, die Überzeugungsarbeit Einzelner kann die Emergenz von Gemeinsamkeiten verhindern - und sie tut dies bekanntlich alle Tage.
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